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24.12.2011

SZ - Landkreisausgabe Ebersberg

Angekommen

Markt Schwaben – Fast ein Jahr lang ist Royas Mutter jeden Tag vor der Schule gestanden. Den ganzen Vormittag. „Ich habe geschaut, dass keiner meine Tochter mitnimmt.“ Es war noch nicht lange her, dass die Familie aus Afghanistan geflohen war, damals vor mehr als zehn Jahren. Zu frisch war der Schrecken, den das Taliban-Regime im eigenen Volk verbreitet hatte.



Von einem Tag auf den anderen verschwanden Familienmitglieder, monatelang wusste man nicht, ob man den Vater, den Mann, den Bruder jemals wiedersehen würde.
Keine Welt um Kinder aufzuziehen. Eine Zeit, in der ein Leben keinen Pfifferling wert war. Royas Mutter war schwanger, als sie selbst erfuhr, was es bedeutete, in einem Staat zu leben, in dem es keine Sicherheit mehr gab. Neun Monate alt war ihr jüngster Sohn, als sie Afghanistan verließ, den Dreieinhalbjährigen und die fünfjährige Tochter, Roya, an der Hand, ohne den Ehemann, ein wenig Geld in der Tasche von ihrem Vater. „Geh nach Deutschland, dort sind die Menschen freundlich“, hatte er gesagt.
Nun, manche sind es. Bettina Ismair, selbst Mutter zweier Söhne und in Markt Schwaben zu Hause, war es. Sie nahm das kleine afghanische Mädchen an die Hand, das mit ihrem jüngsten Sohn in die erste Klasse der Grundschule ging und mit großen Augen und noch größerem Unverständnis versuchte zu verstehen, was der Lehrer ihr nahe zu bringen suchte, trommelte Markt Schwabener Familien zusammen, die Roya und zwei andere afghanische Kinder nachmittags zu sich nahmen, ihnen halfen, Deutsch zu lernen und die ersten Schritte zu machen in der neuen Heimat. Der erste Lichtblick nach einer Reise durch die Ungewissheit.
Royas Mutter denkt nur ungern an jene erste Zeit in Deutschland zurück. Zunächst war die Familie im Aufnahmelager in Landsberg gestrandet, nach drei Monaten der Umzug nach Markt Schwaben. Alles, ohne wirklich zu verstehen, was mit ihr passierte, immer noch ohne Perspektive, immer noch ohne Nachricht vom Ehemann in Afghanistan. „Ich habe viel geweint damals“, sagt Royas Mutter. „Wir konnten uns ja nicht verständigen.“
Wenn man heute die Nummer wählt von Royas Familie, dann klingelt das Telefon in einer Mehrzimmerwohnung in einer einladenden Wohnanlage am Markt Schwabener Ortsrand. Ein großzügiger Flur, ein großes Wohnzimmer, in dem Royas kleine Schwester Rita viel Platz zum Spielen hat. Alles ist hell, die Schrankwand, die Teppiche, die den Fußboden bedecken, ein leuchtend rotes Polstersofa als Blickfang unter dem Fenster, und die Farbe verstärkt den Eindruck von Wärme und Geborgenheit, der sicher kein Zufall ist.
Welch ein Kontrast zu dem Metallspind und den vier Betten im 20-Quadratmeterzimmer des Asylbewerberheims. Toilette und Bad auf der anderen Seite des Flurs musste die Familie mit den anderen Bewohnern teilen, vor allem Irakern und Afghanen. Es gab Probleme mit der Sprache, Royas Eltern sprachen Dari, eine Form des Persischen, im Irak spricht man arabisch. „Aber Tee haben wir alle gemeinsam getrunken, darüber konnten wir uns verständigen“, erinnert sich Roya. „Und dann war ich ja in der Schule, ich konnte für die Eltern übersetzen.“ Sechs Monate nach dem kleinen Mädchen, seiner Mutter und den beiden Brüdern, schafft es auch der Vater nach Deutschland, es dauert aber noch, bis er in Markt Schwaben ankommt. Mittlerweile hat die Familie ein zweites Zimmer, so breit wie eine Matratze, und wenn es regnet, tropft es durch das Dachfenster auf Royas Bett. Kein Ort, an dem man seine Kinder großziehen möchte. Obwohl im Asylbewerberheim irgendwann eine Art Schicksalsgemeinschaft entsteht, man feiert miteinander, bereitet gemeinsame Speisen aus den manchmal reichlich unsinnigen Lebensmittelzuteilungen. „Einmal haben sie fünf Krautköpfe pro Kopf ins Heim geschickt, was hätten wir denn damit machen sollen?“
Heute kann Royas Mutter darüber lachen. Gerade hat sie den Esstisch gedeckt, der über die ganze Länge der hinter einem Vorhang verborgenen Küchenzeile reicht. Der Tisch biegt sich vor Schüsseln mit Oliven, gedünstetem Gemüse, es duftet nach gebratenem Hackfleisch, in einer ovalen Schüssel sind Salatsorten nach Farben angerichtet, es gibt sogar Kraut. „Nichts besonderes“, bedeutet die Mutter mit einer Handbewegung, aber ein feines Lächeln huscht über ihr Gesicht, als Roya sagt: „Das ist ganz normal so, meine Mutter kocht jeden Tag zweimal.“ Nicht nur wenn Gäste da sind, wie an diesem Abend, die Frauen im Esszimmer sitzen, der Vater und die beiden Brüder nebenan. So viel Tradition aber sei nicht die Regel, sagt Roya. „Wenn die Verwandtschaft da ist, essen wir alle hier zusammen.“
Roya ist jetzt 16, ihre kleine Schwester fünf, so alt wie Roya, als sie nach Deutschland kam. Vor ein paar Wochen hat Roya Frau Ismair eine Einladung geschickt, zur Feier ihres Mittelschulabschlusses. Sie besucht jetzt die FOS, absolviert ein Berufspraktikum in einer Anwaltskanzlei, hat sich um einen Ausbildungsbildungsplatz als Verwaltungsfachangestellte beworben. „Und vielleicht schaffe ich auch noch das Fachabitur und die dreizehnte Klasse.“ Das Abitur also. Und dann? „Jura studieren, das würde ich gern.“ Roya hat gelernt, von der Zukunft zu träumen. Sie hat einen Nähkurs belegt, sie liest viel – am liebsten Schillers „Räuber“. Am Wochenende trifft sie ihre Freunde. Afghanen seien keine darunter, erzählt sie. Demnächst will sie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen. „Afghanistan?“, sagt sie, „daran denke ich selten.“ Vielleicht könne man ja mal im Urlaub hinfahren, wenn es irgendwann sicherer ist.

(SZ vom 24.12.11)