Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Am Telefon sagen sie ihren Freunden jetzt immer, sie wohnen „in den Feldern“. Das klingt zumindest gut.
Die Wahrheit aber ist die, dass Konstantinos und Georgios zusammen mit ihrem Vater Michalis derzeit in einer Pension leben, ziemlich weit draußen. Und da gibt es tatsächlich nichts als Felder. Was heißt, dass Georgios, der Jüngere, einen Kilometer laufen muss, wenn er den Bus zur Schule nehmen will. Konstantinos ist eine Weile mit dem Fahrrad gefahren, er macht eine Ausbildung zum Beikoch. Aber das Fahrrad wurde geklaut. Jetzt ist er darauf angewiesen, dass er täglich in aller Früh abgeholt wird.
Seit neun Monaten haust die Familie in einem kleinen Zimmer: Ein paar Quadratmeter, ein einziges Fenster hoch oben im Dach. Bei Regen und Schnee kann man es nicht öffnen. Im Gang, an dem das Zimmer liegt, verbringen die Montage-Arbeiter, die hier während der Woche wohnen, ihren Feierabend. Zigarettenrauch kriecht unter der Tür hindurch in den Raum mit den drei Betten, zwei Stühlen, einem Kleider-, einem Kühlschrank und einem Fernseher.
„Aber ich habe nicht das Recht, zu sagen, hören Sie bitte auf zu rauchen.“ Der Grieche Michalis hebt die Hände, abwehrend, und man kann sich vorstellen, was er sagen will. Man kann sich auch die Dunkelheit im Zimmer vorstellen, wenn der Schnee in den kommenden Monaten auf der Fensterscheibe liegen bleibt, hoch über Michalis, der wartet, dass es Frühling wird, dass seine Söhne nach Hause kommen, dass er eine neue Wohnung bekommt, dass er sich eine Arbeit suchen kann. Michalis ist Koch und träumt davon, ein Restaurant zu eröffnen, zusammen mit seinem älteren Sohn. Aber ihm Moment ist er von seinen Träumen weiter entfernt als von seinem Heimatland. Und sein Beruf ist im Moment eines seiner Probleme. „Restaurants haben abends auf, aber die letzten beiden Busse hier heraus fahren um viertel vor Sieben und um Acht.“ Ein Taxi zu nehmen ist unmöglich für Michalis, der bereits über 10 000 Euro Schulden angehäuft hat, seit er seine Sozialwohnung räumen musste. 400 Euro zahlt ihm das Job-Center für seine Unterkunft im Monat, 48 Euro kostet das Pensionszimmer pro Nacht. Geld, das er zurückzahlen muss, wenn er wieder einen Job hat, eine Wohnung, eine Zukunft, ein bisschen Privatsphäre. Natürlich hat er sich sein Leben anders vorgestellt, damals, als er seine Frau kennen lernte, in einem Hotel in Thessaloniki. Mehr als 20 Jahre ist das her. Sie, eine Deutsche, arbeitete als Rezeptionistin. Vielleicht war es die große Liebe, zumindest entkommt Michalis kein böses Wort über die Frau, die ihn überredete, mit nach Deutschland zu gehen, wo sie sich als Alkoholikerin entpuppte, Monate lang mit dem erstgeborenen Sohn in einer Suchtklinik verbrachte, um hinterher weiter zu trinken. Nach dem Umzug in den Landkreis Ebersberg wurde der zweite Sohn geboren. 2005 verließ sie, die Mutter, die Familie. 108 leere Zweiliterflaschen Wein blieben auf dem Balkon zurück, Michalis und Konstantinos mussten sich einen Einkaufswagen leihen, um sie zu entsorgen.
Und damit begann für den Vater und seine Buben „die schlimme Zeit“, wie er sagt. Das Jugendamt legte ihm nahe, seine Kinder zu einer Pflegefamilie zu geben, aber wenn er nur davon erzählt, schüttelt es den kleinen Mann. „Niemals“, sagt er, hätte er das getan, „es sind gute Jungs.“ Also schlug er sich durch, nahm Gelegenheitsjobs an, Vollzeit ging ja nicht, der Kinder wegen, und für richtig gute Anstellungen haperte es wohl auch an der deutschen Sprache. Mit einem Minijob in einem griechischen Lokal und der Zuzahlung durch das Arbeitsamt hätte alles gut gehen können. Hätte nicht der Besitzer das Restaurant verkauft, und hätte nicht sein Nachfolger, sagen wir mal, sparen wollen, wo immer er konnte, vor allem an den Sozialabgaben für seine Angestellten. Der Arbeitsvertrag, den Michalis erst viel zu spät bekam, war nicht korrekt. 200 Euro zu wenig waren darin ausgewiesen, und als im November 2010 plötzlich eine uniformierte Abordnung des Hauptzollamts in der Gaststube stand, tat Michalis das, was er vielleicht schon längst hätte tun sollen: Er erzählte ihnen die Wahrheit. Nicht 400 sondern 600 Euro hatte er in den Monaten zuvor bekommen, damit hatte er mehr verdient, als die 400 Euro, von denen man beim Job-Center ausgegangen war. Sofort wurden alle Zahlungen eingestellt, Michalis konnte die Miete nicht mehr bezahlen und im Februar stand er mit seinen Jungs auf der Straße. Eine Reisetasche ist ihm geblieben, die jetzt an der einzig freien Wand im Zimmer steht, und „unsere Tücher“, sagt er und deutet auf einen schiefen Stapel Handtücher oben auf dem Kleiderschrank.
„Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht“, räumt Michalis heute ein, „aber ich habe doch Angst gehabt, dass mein Job weg ist, wenn ich zum Amt gehe und die Wahrheit sage.“
Dass es nun für Michalis ein Licht am Ende des Tunnels gibt, das hat er der Ebersberger Fachstelle zur Verhinderung von Obdachlosigkeit zu verdanken. Vor ein paar Tagen hat er den Vertrag bekommen für eine Wohnung der Wohnungsgenossenschaft Ebersberg. Sie hat zwar noch nicht einmal eine Küche, aber wenn zu Weihnachten ein paar Spenden an die Fachstelle fließen, kann der Koch vielleicht schon bald seinen Söhnen wieder am eigenen Herd das Essen kochen. Im Februar kann Michalis einziehen,mit einer Reisetasche, ein paar Handtüchern – und seinen beiden Söhnen.
(SZ vom 13.12.11)