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30.11.2011

SZ vom 30.11.11

Operation Leben

Mia Olariu war im neunten Monat schwanger, als ihr Mann starb. Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmte, hatte es schon lange gegeben, aber die Ärzte in Rumänien hielten die Krampfanfälle für Epilepsie. Und für die Schlafstörungen ihres Mannes hatte Mia Olariu eine Erklärung: die Sorge um den Sohn Valentin, der schwer geistig behindert ist.



Erst als ihr Mann eines Morgens ohnmächtig zusammenbrach, wurde der Gehirntumor diagnostiziert. Nur zwei Monate später, eine Woche vor Weihnachten 2002, starb Victor Olariu (alle Namen geändert).
Anderthalb Jahre zuvor war die Familie aus Rumänien nach München gekommen. Victor Olariu hatte bei Siemens eine Stelle als Computeringenieur gefunden, sie hofften, dass Valentin hier besser behandelt werden könnte. Nach dem Tod ihres Mannes war die Mutter mit den beiden älteren Kindern Paula, Emil und dem behinderten Valentin allein. Der heute 14-Jährige muss rund um die Uhr gepflegt werden. Er kann nicht sprechen, schlecht laufen und trägt Windeln: „Er ist wie ein großes Baby“, sagt Mia Olariu. Nachts wacht er häufig auf, hat Krampfanfälle oder schreit. Und dann war da noch Dominic, der ab und zu weinte, wie jedes normale Baby – eine enorme Belastung für die damals 37-Jährige.
Erst 2004 scheint sich die Situation zu bessern. Mia Olariu lernt einen Mann kennen. Sie heiraten, er zieht bei der Familie ein. „Dass er krank war, habe ich nicht erkannt. Ich dachte nur: Er wird uns helfen.“ Aber statt Erleichterung bringt der neue Mann nur noch mehr Probleme. Ohne ihr Wissen verweigert er Valentin seine Medikamente, und statt ihn in die Pflege-Einrichtung zu bringen, in der er halbtags betreut wird, zieht er mit ihm um die Häuser. Dass er für die Familie gefährlich ist, merkt Mia Olariu erst, als er ihr verbietet, Valentins Zimmer zu betreten. Sie ruft die Polizei, ihr Mann wird in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Heute hat die Familie keinen Kontakt mehr zu ihm.
Das ist jetzt fünf Jahre her, aber die Olarius leiden immer noch unter der Vergangenheit, vor allem der älteste Sohn Emil. Er war elf, als sein Vater starb. Kurz vor seinem Tod kam Victor Olariu noch einmal für zwei Nächte nach Hause, er war bereits mehrfach operiert worden. Die Ärzte hatten ein Stück der Schädelplatte entfernt, um den Druck auf das Gehirn zu verringern. Während seines Besuchs zu Hause ging nachts die Wunde an seinem Kopf auf, es war Emil, der seinen Vater so fand. Auch die Streitigkeiten zwischen seiner Mutter und ihrem zweiten Mann belasten ihn bis heute. Er kämpft mit Albträumen und depressiven Episoden. Seit ein paar Wochen lebt der 20-Jährige in einer betreuten Wohngruppe. Auch die Tochter Paula, die unter Panikattacken litt, ist inzwischen ausgezogen: Sie hat in Rumänien ein Germanistik-Studium begonnen.
Der heute achtjährige Dominic, der zwei Wochen nach dem Tod seines Vaters zur Welt kam, hat Schwierigkeiten in der Schule, ist aggressiv und unaufmerksam. Auch wenn er sich an seine ersten Lebensjahre nicht erinnern kann, ist sich seine Mutter sicher, dass ihn diese Zeit beeinflusst hat: „Ich war nicht genug für ihn da – ich musste mich ja rund um die Uhr um Valentin kümmern.“ Heute unterstützt eine Erziehungshilfe die beiden darin, eine bessere Beziehung zueinander aufzubauen.
Valentin lebt seit drei Jahren in einem Heim. Mia Olariu hat sich in dieser Zeit zur Altenpflegerin ausbilden lassen. Im Dezember tritt sie eine Teilzeit-Stelle beim Roten Kreuz an und kann dann endlich selber etwas Geld verdienen. Von einer Vollzeit-Stelle haben ihr Kinderpsychologen abgeraten, damit sie mehr Zeit für Dominic hat.
Jedes zweite Wochenende und in den Ferien holt Mia Olariu Valentin nach Hause. Für die einstündige Fahrt muss sie jedes Mal auf die Hilfe von Freunden hoffen: Sie hat zwar einen Führerschein, ist aber seit vielen Jahren nicht mehr gefahren. Außerdem hat sie kein Auto. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dauert die Fahrt viel länger, für Valentin ist das zu anstrengend. Gerne würde Mia Olariu ein paar Fahrstunden nehmen und sich ein kleines gebrauchtes Auto kaufen, um selber fahren zu können, aber dazu fehlt ihr das Geld. Außerdem ist sie, seit Paula und Emil ausgezogen sind, auf der Suche nach einer kleineren Wohnung für sich und die beiden jüngeren Söhne. Auch den Umzug kann sie sich mit ihrem kleinen Einkommen nicht leisten.

(SZ vom 30.11.11)