Bis 200 Euro reicht der vereinfachte Spendennachweis zur Vorlage beim Finanzamt (siehe Formulare)
Kurz schaut Nicole noch ins Wohnzimmer, dann verabschiedet sich die Zwölfjährige, um in die Stadtbibliothek zu gehen. „Nimm bitte noch den Abfall mit”, sagt ihr Vater, Peter R. (Name geändert). Kein Murren, keine Widerrede, Nicole nimmt den Müllbeutel und geht.
„Meine Kinder ziehen mit, sie sind sehr selbständig”, sagt der alleinerziehende Vater. Anders könnte er sein Pensum, das nicht nur den Haushalt umfasst, auch nicht bewältigen: Der 50-Jährige, der schon einen Herzinfarkt hinter sich hat, ist als Fernfahrer für eine Spedition viel unterwegs, die Mutter, lange suchtkrank, gestorben. Sie hat der Familie eine Menge Schulden hinterlassen, die R. abstottert. Da bleibt nicht viel zum Leben, „ständig bin ich dabei, Löcher zu stopfen, indem ich andere aufreiße”. Aber R. will seinen Kindern unbedingt zeigen, „dass man mit redlicher Arbeit auch schwierige Situationen durchstehen kann”.
Die Kinder halten zusammen: Wenn R. im Ausland unterwegs ist, kommt die älteste Tochter über Nacht, um sich zusammen mit ihrer 17-jährigen Schwester, die gerade eine Lehre absolviert, um die zwölfjährige Schwester und den zehnjährige Bruder zu kümmern. Der soll von September an wie die Zwölfjährige eine Tagesheimschule besuchen, wo er Mittagessen und Brotzeit erhält – aber R. weiß noch nicht, wie er die 135 Euro monatlich dafür aufbringen kann. „Von dem Betrag leben wir eine Woche”, sagt er. Er will nicht, „dass meine Kinder mitkriegen, wie knapp alles ist. Sie sollen keine Sorgen haben und nicht zu sehr unter unserer finanziellen Situation leiden.”
Das wünschen sich viele Eltern, deren Geld kaum für das Nötigste reicht. Mehr als 20 000 Kinder leben in Familien, die mit Hartz-IV-Leistungen auskommen müssen. Als Lebensbedarf stehen Kindern bis 14 Jahre 211 Euro monatlich zu; das Kindergeld gibt es nicht zusätzlich, sondern es wird darauf angerechnet. Der Betrag muss für Essen, Kleidung, Möbel, Schulbedarf vom Kopiergeld bis hin zu Heften und Sportsachen reichen. Für das Essen sind im Hartz-IV-Regelsatz täglich rund 2,60 Euro vorgesehen – das ist weniger, als die meisten Schulen für das Mittagsmahl verlangen: drei bis vier Euro, manchmal sogar bis zu fünf Euro.
Hartz-IV-Familien erhalten zwar auf Antrag eine Ermäßigung – aber auch dann müssen sie noch jeden Monat 30 Euro pro Kind aufbringen. Weil das viele Eltern nicht schaffen, melden sie ihre Kinder erst gar nicht für den Mittagstisch an. 1300 Kindern konnte der SZ-Adventskalender in diesem Schuljahr eine kostenlose, warme Mahlzeit sichern. „Die erste Schülerlunch-Aktion des SZ-Adventskalenders war eine Initialzündung, um Kindern mit schwieriger Perspektive zu helfen”, sagt Sozialreferent Friedrich Graffe und dankt den SZ-Lesern für ihre Spenden. „Armut bringt nicht nur Hunger, sondern vernichtet auch Chancen, blockiert die Zukunft, macht krank, isoliert die Betroffenen und zerstört ihr Selbstvertrauen.” Weil bis zu 4000 Münchner Kinder auf Spender und Sponsoren hoffen, hat OB Christian Ude in einer Dialogpredigt zum 850. Stadtgeburtstag zusammen mit Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler zur Hilfe aufgerufen: „Der Mittagstisch, der an immer mehr Schulen geboten wird, muss für alle Kinder da sein, auch wenn die Eltern es nicht zahlen können.”
Hartz IV mit bundesweit einheitlichem Regelsatz hat die Menschen ärmer gemacht, vor allem in München, wo es vor der Reform von 2005 wegen der hohen Lebenshaltungskosten die höchsten Sozialhilfesätze gab. Von Anfang an trat Graffe dafür ein, den Hartz-IV-Regelsatz um 20 Prozent zu erhöhen. Doch in Berlin bleiben seine und die Mahnrufe der Wohlfahrtsverbände unerhört. Dennoch wird Graffe nicht müde, einen eigens für den besonderen Bedarf von Kindern – etwa in der Schule – berechneten Regelsatz zu fordern, statt diesen einfach auf 60 Prozent vom Erwachsenensatz festzulegen. Der Forderung nach höheren Hartz-IV-Sätzen für Kinder hat sich jetzt sogar Ministerpräsident Günther Beckstein angeschlossen.
Wenn Peter R. wenigstens das Essensgeld erspart bliebe, wäre es eine große Hilfe auf dem Weg zu seinem Ziel: „Alle Kinder sollen einen Beruf haben und sich selber ernähren können.”
(SZ vom 15.07.2008)